Kerstin Przygodda aus dem schleswig-holsteinischen Landesverband sitzt seit der Bundestagwahl 2025 für die AfD im Bundestag. Sie verkörpert ein typisches Beispiel dafür, wie AfD-Abgeordnete vollkommen kompetenz- und faktenfrei, fern der Realität und losgelöst vom jeweiligen Debattenthema die Rednerpulte in den Parlamenten einzig und allein dazu missbrauchen, Diffamierungen, Hass und Hetze zu verbreiten.
Frau Przygodda war bereits vor ihrer Abgeordnetenkarriere im Bundestag tätig: als Mitarbeiterin des AfD-Abgeordneten Martin Reichert. Dieser wurde Björn Höckes „Flügel“ zugerechnet, also jener vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuften Gruppierung innerhalb der AfD, die sich offiziell zwar aufgelöst haben soll, realistisch betrachtet die komplette AfD inzwischen übernommen hat (was sich in der Bewertung des Bundesamts für Verfassungsschutz widerspiegelt). Hier ist Frau Przygodda also politisch in die Schule gegangen, wobei es ihr in den sieben Jahren dieser Tätigkeit anscheinend nicht gelungen ist, Grundelemente unseres parlamentarischen Systems zu verstehen. Deutlich wird dies in ihrer Rede vom 10.07.2025, in der sie angesichts der tags darauf anstehenden Wahl der Verfassungsrichter*innen Bildungsministerin Karin Prien vorwarf, sie würde mit Frauke Brosius-Gersdorf eine „linksextremistische Aktivistin“ als Verfassungsrichterin wählen. Der Haken dabei: Frau Prien ist zwar Ministerin, doch keine Abgeordnete, nimmt daher an Abstimmungen des Bundestags und damit auch an der Wahl der Verfassungsrichter*innen überhaupt nicht teil. Doch dafür, diese Zusammenhänge zu begreifen, langt es bei der AfD-Frau anscheinend nicht. Vielleicht möchte Frau Przygodda hier Frau Prien aber auch nur allein aufgrund ihrer CDU-Mitgliedschaft für das in Verantwortung nehmen, wofür andere andere Abgeordnete der Partei stimmen. Auch interessant.
Die Diffamierung der angesehenen Juristin Frau Brosius-Gersdorf – an der im Sommer 2025 leider nicht nur nur die AfD beteiligt war - brachte Frau Przygodda übrigens einen Ordnungsruf des stellvertretenden Bundestagspräsidenten Ramelow ein. Ordnungsrufe - eine Disziplin, in der die AfD ohnehin Spitzenreiterin ist, da will Frau Przygodda offensichtlich nicht nachstehen. Sie kommentierte den Ordnungsruf mit dem trotzigen Gebaren einer Dreijährigen. Frau Przygodda ist allerdings schon über 60 – und offensichtlich kein bisschen weise.
Die Reden von Frau Przygodda im Bundestag stellen zunächst einmal eine Beleidigung des Anstands dar. Es ist keine akzeptable Art über andere andere Menschen zu sprechen, wie die AfD-Abgeordnete es insbesondere über Muslim*innen tut – im Parlament nicht und sonst natürlich auch nicht. Aber auch das weitere inhaltliche Niveau der Reden ist nur als unterirdisch zu bezeichnen. Das Plenarprotokoll vermerkt am Ende der Rede vom 10.07.2025 den Zwischenruf einer SPD-Abgeordneten: „Das war wirklich schlecht!“
Damit ist das Wesentliche eigentlich schon gesagt.
Ein paar Details möchte ich dennoch herauspicken:
Fast schon unfreiwillig komisch sind die Redestellen bei Frau Przygodda, in denen die CDU-Ministerin Karin Prien als „direkter Brückenkopf der CDU in die linksextreme Szene“ bezeichnet wird oder wenn sie vermutet, bei der Ernennung von Frau Prien als Ministerin hätten bei „linken NGOs wahrscheinlich die Sektkorken geknallt“.
Weniger lustig wird es, wenn Frau Przygodda in einer Debatte, in der es um den Bildungshaushalt und nichts anderes geht, zum großen Angriff auf den Islam ansetzt und deutlich erkennen lässt, dass sie in einer fantasierten Wirklichkeit lebt. Dabei spielt noch einmal die geplante Wahl der Verfassungsrichter*innen im Sommer 2025 eine Rolle: An Absurdität nicht mehr zu überbieten ist die Behauptung, die Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf setze sich dafür ein, dass „Richterinnen Kopftücher tragen“. Natürlich entbehrt der Vorwurf jeder Realität und eigentlich lässt sich hier nur fassungslos mit dem Kopf schütteln. Letztlich liegt dieser Aussage die Absicht zugrunde, mit Trigger-Begriffen („Kopftuch!“) Politik machen zu wollen. Auch eine bekannte AfD-Strategie.
Weiter fabuliert Przygodda darüber, dass der Islam sich in Deutschland „durchgesetzt“ habe, dass in unseren Klassenzimmern deswegen „das Mittelalter“ herrsche, die „Islamisierung der Klassenzimmer“ längst Realität sei, in den Schulen „die Scharia und nicht mehr das Grundgesetz“ herrsche und nur die „AfD-Fraktion das Grundgesetz gegen die Scharia“ verteidige, um nur einige Elemente ihrer Tirade zu nennen.
Mit Blick darauf sei die Frage erlaubt, wann und wo genau Frau Przygodda zuletzt in einer Schule war. Nicht nur als Politiker, sondern auch als Vater, Onkel und Mensch, der in seinem Freundeskreis viele Kinder aufwachsen sieht und mit Eltern in Kontakt steht, weiß ich, dass das von Frau Przygodda entworfene, groteske Szenario nichts mit der Realität zu tun hat. Wären entsprechende Tendenzen auch nur im Ansatz zu erkennen, würde ich mich als Abgeordneter mit allem, was ich habe, dagegenstellen. Ich bin ein großer Fan des Grundgesetzes und nicht der Scharia!
Wer von einer Islamisierung Deutschlands spricht, sollte sich tatsächlich einmal Statistiken zur Verteilung der Religionsgemeinschaften in der Bevölkerung in Deutschland zu Gemüte führen. Denen ist zu entnehmen, dass gegenüber über 45% Menschen christlichen Glaubens lediglich 4% konfessionsgebundene Muslim*innen in Deutschland leben. Mit 47% ist der größte Teil der Menschen in unserem Land übrigens konfessionslos. Wer der Ansicht ist, der Islam übernähme in bestimmender Weise das öffentliche Leben, sollte sich umschauen, durch welche Religion dieses im Wesentlichen immer noch geprägt ist. Höre ich tatsächlich den Muezzin zum Gebet rufen oder im Allgemeinen doch nur Kirchenglocken? Warum sind am Sonntag die Geschäfte geschlossen? Was bestimmt unseren Feiertagskalender? Gibt es in Deutschland einen gesetzlichen Feiertag aufgrund des Korans? Für wen zieht der Staat die Kirchensteuer ein? Wer sind aktuell die stärksten Parteien im Bundestag? Mit der CDU eine Partei, die das Christentum im Namen trägt und mit der AfD eine Partei, die konsequent islamfeindlich auftritt. Menschen muslimischen Glaubens befinden sich in allen Parteien, ohne dass diese dadurch eine irgendwie geartete dezidiert muslimische Politik verträten. Es gibt in keinem deutschen Parlament eine islamische oder gar islamistische Partei. Wo ist denn diese Islamisierung, von der immer die Rede ist? Und nein: Allein die Tatsache, dass Menschen muslimischen Glaubens in diesem Land leben und öffentlich sichtbar sind rechtfertigt diesen Begriff nicht! Artikel 4 des Grundgesetzes sichert uns Religionsfreiheit zu. Und 4 % unserer Bevölkerung nehmen diese als Muslim*innen war.
Vollkommen klar, dass Frau Przygodda und ihre gesamte Partei nur das eine Ziel verfolgt: Angst zu schüren.
Genug. Im Grunde schreit fast jeder Satz in eines Przygodda-Auftritts im Bundestag nach Widerspruch. Anbei zwei Links zu ihren Reden aus dem Bundestag aus dem Jahr 2025. Vielleicht machst du dir selbst ein Bild davon, in welcher Art und Weise Frau Przygoddy sich, die AfD und leider auch Schleswig-Holstein im Bundestag repräsentiert.
https://dserver.bundestag.de/btp/21/21018.pdf (S.1830f.)
https://dserver.bundestag.de/btp/21/21004.pdf (S.268f.)