Im Kreistag von Rendsburg-Eckernförde sitzt für die AfD ein junger Mann, der auf Fotos durch seine streng nach hinten gegelten Haaren auffällt. Es handelt sich dabei um Kevin Dorow, der außer als Kreistagsabgeordneter für die Partei noch als Beisitzer im Landesvorstand fungiert.
Nach der strategisch bedingten Auflösung der rechtsextremistischen Jungen Alternative (JA) soll Dorow die Umorganisation der Jugendorganisation der AfD organisieren. Laut seiner Vorstellung soll eine personell gestärkte Nachfolgeorganisation stärker in die AfD einwirken, im Grunde aber weitermachen wie bisher, d.h. provozieren mit „Kampftrainings“ und Wanderungen mit Deutschland-Flaggen, die die „Kameradschaft fördern“. Dabei sei es der JA wichtig, einen „dezidiert rechten Kurs“ zu fahren, so Dorow.
Wenn man sich dafür interessiert, womit Herr Dorow darüber hinaus beschäftigt ist, landet man schnell beim Magazin "freilich", für das er gelegentlich schreibt.
"freilich" ist eine österreichische Zeitschrift die sich konservativ gibt, politisch im Bereich der Neuen Rechten anzusiedeln ist und eine deutliche Nähe zur FPÖ aufweist.Bei diesem Journal handelt es sich um das Nachfolgemagazin der rechtsextremistischen und antisemitischenZeitschrift "Aula", dassich zwar inhaltlich und stilistisch etwas moderater gibt, in der grundsätzlichen und ideologischen Ausrichtung der Vorgängerin aber treu bleibt. Das Medium bietet verschiedensten Personen aus dem rechtsextremen Spektrum eine Plattform, was sich auch in der Zusammenarbeit mit dem 2024 aufgelösten, vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuften Institut für Staatspolitik (IfS) von Götz Kubitscheck ausdrückt.
Über die Homepage des Magazins "freilich" lässt sich mehr über die Biografie des AfD-Kreistagsabgeordneten Kevin Dorow erfahren. Danach hat dieser bei der rechtsextremistischen Verlagsgruppe „Lesen und Schenken“ ein Volontariat absolviert.
„Lesen und Schenken“ gehört zum Verlagskomplex von Dietmar Munier, einem umtriebigen Verleger, der seit Jahrzehnten selbst und über seine Familie Verbindung in die rechtsextreme Szene bis hin zur Identitären Bewegung und zu Holocaustleugnern verfügt. Auch mit dem Initiator des durch die Correctiv-Recherchen bekanntgewordenen Treffens in Potsdam ist Munier seit Jahrzehnten bekannt und verwandt. Die beiden waren einige Zeit Geschäftspartner. Munier betrieb in der Vergangenheit Buchläden in Kiel, mittlerweile beschränkt er sich mit seinem in Martensrade im Kreis Plön angesiedelten Unternehmen auf den Versandhandel, in dessen reichhaltigem Sortiment sich u.a. die Goebbels- und Göring-Biographien des rechtsextremen Holocaust-Leugners David Irving befinden.
Ein Schwerpunkt seines Verlagsprogramms liegt auf dem Geschichtsrevisionismus. Um diesen Begriff zu erklären und etwas Wichtiges klarzustellen: Bei dem Verlagsprogramm handelt es sich nicht um wissenschaftliche Literatur, die einfach eine „andere Meinung“ vertritt, sondern um Material fernab des wissenschaftlichen Diskurses, das nicht auf wissenschaftliche Erkenntnis abzielt, sondern darauf, die Zeit des Nationalsozialismus zu verharmlosen und zu relativieren. Wenn ein Wissenschaftler diese Bücher zur Hand nimmt, dann höchstens um sich mit dem Geschichtsrevisionismus der extremen Rechten als Thema selbst zu befassen.
Die Verlagsgruppe von Munier tauchte eine Zeit lang bis 2012 im Verfassungsschutzbericht des Landes Schleswig-Holstein als rechtsextremistischer „Verdachtsfall“ auf. Nach einer Klage Muniers dagegen und einer Entscheidung des Verwaltungsgerichts durfte der Verlag im Bericht nicht mehr namentlich qals Verdachtsfall genannt werden, weil dem Unternehmen dadurch geschäftliche Nachteile drohen könnten. Darin kommt also nicht zum Ausdruck, dass das Gericht den „Verdacht“ als nicht gerechtfertigt ansah. Wenn in den jüngeren Berichten des Landesamtes für Verfassungsschutz im Abschnitt Rechtsextremismus von verschiedenen rechtsextremen Verlagen in Schleswig-Holstein die Rede ist, ohne diese namentlich zu nennen, bin ich gern bereit einen Tipp abzugeben, wer damit auch gemeint ist.
Zurück zu Kevin Dorow, dem ehemaligen Volontär bei Muniers Verlagsgruppe und jetzigen Kreistagsabgeordneten der AfD. Für den sind Einstufungen des Verfassungsschutzes ohnehin „jetzt nicht unbedingt ein Maßstab“, wie er im Interview im Zusammenhang mit dem „Tag des Vorfelds“ der AfD verlauten ließ. Auch Dorow bemüht dabei die Leier, dass es sich hier um Bewertungen politisch instrumentalisierter Behörden handelt, und ich wiederhole mich gerne, dass unabhängige Gerichte diese Einstufungen des Verfassungsschutzes in der Regel überprüfen – wenn dagegen geklagt wird.
Der „Tag des Vorfelds“ ist in Zusammenhang mit Dorow besonders interessant, schließt sich doch hier ein Kreis. Auf dem ursprünglichen Flyer für die Veranstaltung befanden sowohl das Magazin "freilich", für das Dorow jetzt schreibt, als auch zwei Publikationen aus dem Hause Munier, in dem er volontierte, die Zeitschrift "Zuerst" und die "Deutsche Militärzeitschrift".

Im Bericht des NDR wird Dorow als Organisator und Veranstaltungsleiter des Treffens bezeichnet. Das scheint mit Blick auf die teilnehmenden Medienunternehmen schlüssig, zu denen Dorow wie dargestellt teilweise eine persönliche Verbindung hat. Als Organisator wäre er für dieses Treffen verantwortlich, zu dem ohne Scheu Personen, Vereine usw. eingeladen wurden, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft werden. Mit Blick auf Dorows Äußerung oben ist das nicht verwunderlich.
Der "Tag des Vorfelds" fand mittlerweile Eingang in den Bericht des Landesamtes für Verfassungsschutz für das Jahr 2024 im Kapitel über Rechtsextremismus als Beispiel für Aktivitäten der "Neuen Rechten". Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz thematisiert die Veranstaltung: Es führt sie unter namentlicher Nennung des Organisators Kevin Dorow und der Teilnehmer Kurt Kleinschmidt und Volker Schnurrbusch aus dem AfD-Landesvorstand als einen seiner Belege aus Schleswig-Holstein in seinem Gutachten zur Einstufung der AfD als "gesichert rechtsextremistisch" auf.
Abschließend noch eine Episode, die sich am „Tag des Vorfelds“ zugetragen haben soll: Der NDR berichtet, mindestens zwei Teilnehmer der Veranstaltung hätten das rassistische „White-Power“-Handzeichen gezeigt. In einem Fall ist dies mit einem Foto dokumentiert. Diese Geste ist zwar nicht verboten, aber einfach: rassistisch.
Angesprochen auf diese gezielte Provokation faselte Dorow etwas davon, es handelte sich um „einen jugendlichen Scherz“. Tut mir leid. Ich habe versucht, mich da hineinzudenken. Aber es mir nicht verständlich, wo hier der Witz begraben liegen soll.
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